Typberatung
copyright Karin Braun
Es war schon ein merkwürdiges Gefühl nicht als Besucher durch die Ausstellung zu gehen. Kein schlendern und mal hier mal da gucken, sondern zielgerichtet gingen wir auf die Musterwohnung zu. Vom Gang aus war die noch nicht einzusehen. Da sah man nur eine Holzwand auf der Schilder mit dem Hinweis: Hier wird umgebaut! angebracht waren. Rechts an der Seite ging ein schmaler Gang, durch den gelangten wir in eine Art Lager. Gleich hinter der Tür links ging es denn weiter in meine zukünftige Wohnung. Ich war überrascht wie weitläufig alles war. Sven erklärte mir, dass sie sich 3 Zimmer mit Küche und Bad vorgestellt hätten. Mir blieb die Spucke weg. 3 Zimmer! Für nur eine Person. Schon alleine die Küche war größer als das 12 qm Zimmer welches ich jetzt bewohnte. Während die anderen sich mit den Handwerkern besprachen, ging ich durch die Räume. Ein merkwürdiges Gefühl überkam mich. Hier wurde soviel Aufwand getrieben für mich! Na ja, nicht für mich, sondern um Werbung zu betreiben und Menschen zum Kaufen zu animieren. Das musste ich mir immer mal wieder ins Gedächtnis rufen. Trotzdem war ich überwältigt und musste gegen das Gefühl ankämpfen, dass dies alles eine Nummer zu gross für mich sei. Am liebsten wäre ich in das Restaurant gegangen und hätte mich, wie früher, hinter meiner Kaffeetasse versteckt. Doch dafür war es nun zu spät.
Svens Stimme riss mich aus meinen Gedanken und ich ging wieder zu den anderen. Nachdem der Vorarbeiter uns verabschiedet hatten, trennten wir uns. Sven hatte eine weitere Besprechung, die Herren von der Werbeabteilung hatten auch zu tun. Wahrscheinlich darüber nachdenken wie sie die neue Idee, und so mit auch mich, am Besten in die Medien bekamen. In Gedanken versunken stand ich da, bis ich bemerkte das Roger Hansen mich erwartungsvoll ansah:
“Kommen Sie, Martin.” Er wandte sich zum gehen und ich folgte ihm. Mit tänzelnden Schritten und ausgepägten Hüftwackeln, also wenn der nicht schwul war, wusste ich auch nicht, führte er mich in einen Büroraum. Dieser war im Gegensatz zu Svens Büro sehr nüchtern eingerichtet und passte nicht so richtig zu Hansen. Da hatte ich sehr viel mehr erwartet. Er bemerkte meinen Blick und lachte: “Das ist nicht mein Büro. Meine eigenen Räume sind in der Stadt.” Er schauderte: “Gott sei dank, sonst würde mir alle Kreativität flöten gehen.” Mit einem theatralischen Augenaufschlag sah er sich um, zuckte merklich zusammen als sein Blick an einem Druck von Klimt hängen blieb, raffte sich dann aber zusammen und wandte sich wieder mir zu: “Nun gut, die paar Tage wird es gehen. Also los. Je eher daran, je eher davon. Der frühe Vogel fängt den Wurm und so weiter. Wir fahren am Besten in den Cittipark da haben wir alle Geschäfte die wir brauchen.”
“Fahren?” Fragte ich entsetzt. “Aber der Cittipark ist doch nur ein paar Meter von hier entfernt, da können wir doch laufen.”
Hansen stockte und drehte sich entsetzt zu mir um: “Lieber Martin, du musst noch viel Lernen!” Er streckte seinen Fuss aus, “das hier sind italiensiche Slipper für round about 500 € das Paar und draussen regnet es. Solche Schuhe sind nicht geeignet zum Laufen im Freien, jedenfalls nicht bei Nässe.”
Während ich noch dachte: 500 €! Das ist 1/3 mehr als der ALG II Satz für einen Erwachsenen um einen Monat zu leben, sprach er bereits weiter allerdings mit sehr viel weniger Theatralik in der Stimme: “Aussdem gab Gott mir meine Füße zum Gasgeben und Bremsen, aber nicht zum Laufen!”
Während wir in die Tiefgarage gingen dachte ich noch über die 500€ Schuhe nach. 500 € also ca. 1000 DM hatte nicht einmal mein erstes Auto gekostet. 500 €!! Mein teuerstes Paar Schuhe hatte 50 € gekostet und da war mehr dran, immerhin waren das ein paar solide Winterstiefel. In was für eine Welt war ich hier eigentlich geraten? Dies dato hatte ich immer gedacht, dass IKEA mit Preisbewusstsein zu tun hatte. Aber anscheinend galt das nicht für die Angestellten in der Verwaltung.
Nach 3 min Fahrt in einem Landroover Defender, der mich schon gar nicht mehr erstaunte, hatten wir den Cittipark erreicht und eher ich mich versah, stand ich in Unterhosen in einer Umkleidekabine und probierte diverse Kleidungsstücke an. Meine Befürchtung das Roger versuchen würde mich in super modische Teile zu stecken, die ich verabscheute, erwies sich als unberechtigt. Da wurde ich angenehm überrascht. Innerhalb von 3 Stunden verfügte ich über eine komplette Gardrobe bestehend aus 2 Jeans, 3 Sweatshirts, 4 T-Shirts, 2 Jacken, 2 Anzügen und Schuhen. Ganz zu schweigen von diversen Kleinkram und das verwunderlichste war, dass mir die Sachen gefielen. Sogar die Anzüge mit den Oberhemden. Nichts war zu eng, oder zu auffällig.
Mein Begleiter schien auch zufrieden. Er hatte veranlasst, dass alles geliefert werden würde und meinte: “So, nun ist Zeit für eine Mittagspause.” Auch ich verspürte Hunger, doch ehrlich gesagt hatte ich gehofft, dass ich im IKEA Restaurant etwas essen könnte. Denn dieser Yuppi hier würde sicher auf Sushi oder etwas ähnliches bestehen. Noch schlimmer wahrscheinlich würde er Salat vorschlagen, was ich nun gar nicht brauchte. Salat, das war Essen für das Essen. Aber ich war hungrig und da der Einkauf relativ stressfrei von Statten gegangen war, beschloss ich ihm zu folgen, was ihn sehr zu freuen schien: “Gut, dann gehen wir am Besten in zu Nordsee.” Das war ja besser als erwartet. Dort gab es was für jeden Geschmack.
Im Restaurant erwartete mich die nächste Überraschung. Mein Begleiter bestellte sich nicht den erwarteten Salat, sondern Scholle mit Bratkartoffeln und eine Cola. Ich nahm das Gleiche und wir suchten uns einen Platz. Roger trank einen tiefen Schluck direkt aus der Dose. Rülpste leise aber vernehmlich hinter vorgehaltener Hand, und begann zu essen. Mir fiel fast die Gabel aus der Hand. Was war das denn nun? Hoffentlich hatte ich es hier nicht mit einer multiplen Persönlichkeit zu tun. Ein listiges Blinzeln verriet mir, dass das nicht der Fall war. Als er zu sprechen begann, auf ohne das sonstige Genöle, erwähnte er mit keinem Wort was diese Veränderung bedeutete, sondern fragte mich auf nette Art über mein Leben aus, und wie ich mich fühle in Hinblick auf den neuen Job.
Nach unserer Mittagspause, in der ich mein erstes Urteil über Roger Hansen gründlich revidieren musste, ging es zum Friseur. Kaum hatten wir den Salon betreten begann wieder das Nölen und Hüftenschwenken. Er schien in dem Geschäft bekannt zu sein, denn die Begrüßung verlief sehr vertraut.
“Luis, Schätzchen,” begrüßte er den jungen Mann der gleich auf uns zukam als er Roger sah, “das ist Martin.” Luis streifte mich mit einem, entsetzten Blick. “Was kannst du tun, um ihn ein wenig herzurichten. Ich denke da ein modisch, aber nicht zu hipp und extravagant.” Er zupfte an meinen Haaren herum. “Vielleicht eine leichte Tönung um das Grau abzudecken.”
Luis verdrehte die Augen: “Roger, ich liebe dich und ich tue alles für dich. Aber im Rahmen meiner Möglichkeiten.”
An dieser Stelle drehte ich mich um und verließ das Geschäft. Roger Hansen kam mir nach und rief über die Schulter: “Danke Luis, du Blödmann.” Am Ausgang zum Parkplatz holte Roger mich ein und hielt mich an: “Entschuldige Martin. Luis ist ein Trampel.” Wütend schrie ich los und zu meinem Ärger bemerkte ich, dass ich mit den Füssen trampelte, was eine frühere Freundin von mir Rumpelstilzchen Syndrom nannte: “Ich habe es satt mich wie Müll behandeln zu lassen! Was fällt diesem Typen eigentlich ein?” Ich begann mich in Rage zu reden. Alles sprudelte aus mir raus. Tränen traten mir in die Augen und die ganze Zeit hüpfte ich wie ein Flummy auf und ab. Allmählich wurden die Leute um uns herum schon aufmerksam. Am Rande nahm ich wahr, dass Roger mich verwundert ansah. Er sagte nichts, er ging nicht weg, er sah mich einfach interessiert an. Das entwaffnete mich mehr als jeder Beschwichtigungsversuch seinerseits es getan hätte.
Meine Wut verebbte und ich stand nur noch da. Ausgepowert und erleichtert. Nun ergriff Roger das Wort: “Es war mein Fehler dich zu Luis zu bringen. Ich hätte daran denken sollen, dass er ein wenig merkwürdig ist. Aber er ist ein sehr guter Friseur, oder wie er es nennt “Hairstylist”.” Er lächelte verschmitzt: “Willst du es mit ihm versuchen, oder gehen wir zu jemand anders?”
Schließlich entschied ich mich Luis noch eine Chance zu geben. Eigentlich war es mehr, dass ich nicht klein beigeben wollte und ich muss sagen, dass Ergebnis war überzeugend. Mir die Haare färben zu lassen, wäre mir nie in den Sinn gekommen, und auch wenn mir mein Spiegelbild fremd war, so war mir klar, dass ich sehr viel jünger und dynamischer wirkte.
Als wir den Laden verließen, konnte ich es nicht lassen mich immer wieder im Spiegel der Schaufensterscheiben zu betrachten. Mittlerweile begann ich so etwas wie Hochachtung für Roger und seine Arbeit zu empfinden, daher folgte ich ihm anstandslos zum Optiker wo mein Kassengestell von Brille gegen ein sehr schönes Designermodell ausgetauscht werden sollte. Roger war auch hier bekannt und daher würde ich die neue Brille bereits am Ende der Woche abholen können.
Froh das der Tag vorbei war, aber zufrieden mit dem Ergebnis, trennten wir uns auf dem IKEA Parkplatz und ich fuhr in meine Wohnung.