Monats-Archiv für August 2009

Lebst du noch, oder wohnst du nur – 4. Kapitel

Copyright Karin Braun

DER CHEF

Der Mann der mich empfing war ungefähr in meinem Alter, er sah mir sogar ein wenig ähnlich. Allerdings nur was den Bauchansatz und die schütteren Haare betraf. Na ja, die Größe stimmte auch noch, aber das war es denn auch. Mein Gegenüber strahlte Autorität und Freundlichkeit aus und war zwar leger, aber teuer gekleidet. Er kam direkt auf mich zu und streckte die Hand aus.  Meine streckte sich ihm reflexartig entgegen und während mein Gesichtsausdruck eher ängstlich sein mochte, erstrahlte bei ihm ein freundliches Lächeln: „Hallo Martin. Martin ist doch Richtig?“ Ich nickte automatisch. Er wandte sich an seine Sekräterin: „Elke bringen sie doch bitte Kaffee und vielleicht etwas Gebäck. Wir haben mit unserer Einladung sicher Martin in Aufregung versetzt. Bestimmt hat er heute morgen noch gar nichts runtergekriegt.“ Er wandte sich wieder mir zu: „Gebäck ist doch in Ordnung? Oder lieber was Deftiges?“ Ich kriegte keinen Ton raus und schüttelte nur mit dem Kopf. Er nickte und wandte sich wieder der Frau zu: „Martin hat sicher recht, was Deftiges und Gebäck ist am Besten.“ Sie lächelte zustimmend und wandte sich zum Gehen.

In was war ich da nur reingeraten? In meinem Kopf ging es drunter und drüber. Die hatten mich erwischt wie ich widerrechtlich in ihrem Laden gewohnt hatte, doch statt mich anzuschreien und die Polizei zu rufen, machte man sich Sorgen was ich am liebsten zum Frühstück hätte.

Mittlerweile sass ich an dem kleinen runden Tisch der etwas Abseits vom Schreibtisch stand und konnte noch immer nichts sagen, aber meine Gedanken rasten: Anscheinend würde ich noch einmal glimpflich davon kommen. Statt Anzeige und Verurteilung sah es hier eher so aus, als wenn ich mit einem Frühstück, einer Standpauke und einem Geschenkgutschein davon kommen würde. Gerade als ich mit überlegte ob ich mich vielleicht erst einmal entschuldigen sollten begann Herr Jürgens zu sprechen: „Also Martin, sagen sie mal, was gefällt ihnen so gut an IKEA, dass sie hier ein ganzes Wochenende verbringen wollten?“

Ich räusperte mich kurz. Plötzlich war meine Stimme wieder da und ich erzählte ihm alles von Anfang an. Die Sache mit dem Gartenstuhl, wie ich den ersten Regentag hier verbrachte und wie ich dann letztendlich das Wochenende geplant hatte. Ich schloß dann: „Es tut mir leid, Herr Jürgens, wenn ich Ihnen Unannehmlichkeiten bereitet habe, aber die Verlockung war einfach zu groß. Sehen sie, ich lebe sehr einsam. Nicht das ich mich beklagen möchte,  dass ist meine eigene Entscheidung, daher bin ich gerne hier in ihrem Geschäft. Hier ist alles bunt und gemütlich und ich kann Leute sehen, ohne ihnen nahesein oder mit ihnen sprechen zu müssen.“

Er nickte verständnisvoll und fragte mich nach meiner materiellen Lage. Ich erklärte das ich arbeitslos sei und das meine Verhältnisse eher beengt wären.

Er sah aus, als wenn er etwas ähnliches erwartet hatte, aber er wirkte verständnisvoll und sagte: „Das ist sicher nicht einfach und in unserem Alter ist es ja auch nicht mehr einfach etwas zu finden, nicht war?“

Ich wollte gerade antworten: Das ich mir nicht vorstellen könnte, dass er meine Probleme wirklich versteht, denn schließlich hatte er ja einen guten Job und den Bildern auf seinem Schreibtisch nach zu schließen eine Familie. Also nicht das ich das wollte. Na ja, einen Job der mir Spaß machen würde, den schon, aber eine Famile? Menschen die Ansprüche an mich stellten? Nein, dass nicht. Doch bevor ich das sagen konnte, da Elke mit dem Frühstück. Sie hatte wirklich an alles gedacht. Brötchen, Kaffee, Schinken, Rühreier, Lachs und auch einiges Süßes. Das war nicht von schlechten Eltern und nach all der Aufregung merkte ich nun auch meinen Magen, also griff ich kräftig zu.

Während des Frühstück unterhielten wir uns über banale Themen wie das Wetter, die Verkehrlage und so und ich hatte schon fast vergessen warum ich hier war, als Herr Jürgens, oder besser gesagt Sven seine Tasse zurück schob und ernst wurde:

„Also Martin, sicher fragen sie sich, warum ich keinen Aufstand mache, dass sie bei uns übernachtet haben, denn schließlich und endlich und auch wenn wir es nicht  so empfinden stellt es ja den Tatbestand des Hausfriedensbruches da.“ Er sah mich ein wenig streng über seine Brille hinweg an. Doch gleich darauf blinzelte er wieder freundlich und sprach weiter: „Das ich es nicht tue, hat damit zu tun, dass wir beide die selbe Idee haben, also im Ansatz zumindest. Sie finden unsere Möbel schön zum drin wohnen. Fühlen sich angesprochen und es macht ihnen Spaß sich bei uns aufzuhalten. Das freut uns natürlich und nachdem wir festgestellt hatten, dass das Arbeitszimmer in dem sie schon mal einen längeren Zeitraum verbracht haben, an diesem Tag 3 x soviel verkauft wurde wie sonst, kamen wir ins Grübeln“

Ich kam auch ins Grübeln: Die hatten mich die Ganze Zeit beobachtet!

Sven lachte, er schien meine Gedanken zu lesen: „Ja, sicher haben wir sie entdeckt, meine Assistentin war auch dafür sie sofort entfernen zu lassen, aber ich wollte erst einmal abwarten was passiert und hatte recht.“ Er sah sehr zufrieden mit sich aus.

Ich warf ein: „Vielleicht ist es nur ein Zufall gewesen, dass sie dieses Zimmer den Tag öfters verkauft haben.“

Er verneinte: „Martin das ist kein Zufall. Die Konzernzentrale hat schon vor Jahren eine Umfrage unter unseren Kunden veranstaltet. Es ging darum wie unsere Ausstellung noch attraktiver werden können und eine überraschende Anzahl von Kunden äußerten sich in der Richtung, dass es attraktiv wäre die einzelnen Elemente belebt zu sehen.”

Das überraschte mich nun wirklich.

Sven schenkte sich erneut Kaffe ein und nickte mir verständnisinnig zu: “Ich war genau so überrascht, aber dann kam ich ins Nachdenken und es erschien mir immer logischer. Nicht nur, dass sie die Möbel im Gebrauch sehen würden, natürlich war mir auch klar, welche Werbungsmöglichkeiten uns da für Küchengerätschaften, Geschirr und Acessesoirs uns da entstehen würden.” Sein Blick wurde verträumt und gleichzeitig berechnend. Wahrscheinlich sah er vor seinem inneren Auge, lange Schlangen von Menschen mit wohlgefüllten Einkaufskörben an den Kassen seines Geschäftes stehen. Ein wenig verwundert stellte ich fest, dass er mir nicht unsympathisch wurde, obwohl ich Geschäftsleute und Kapitalismus ablehne. Ich bin immer Sozialdemokrat gewesen und würde es auch bleiben.

Mit einem bedauernden Seufzer löste sich Sven aus seiner Gedankenwelt und wandte sich wieder mir zu: “Sehen sie Martin, bis sie es sich in unserer Ausstellung gemütlich machten, sahen wir keine Möglichkeit unsere Erkenntnisse umzusetzen. Ich möchte ihnen einen Job anbieten.”

Ich glaubte nicht richtig zu hören. Ein Jobangebot, dass hatte ich ja schon seit Jahren nicht mehr erhalten. Nicht das ich mich drum bemüht hätte. Das mich keiner wollte war schon in Ordnung. Die Welt um mich herum war mir suspekt und so wenig ich mich in ihr zurecht fand, so wenig konnte sie mich gebrauchen. Und nun ein Jobangebot von einem angesehenen Unternehmen und nicht etwa durch eine offizielle Bewerbung, sondern durch eine quasi Straftat. Plötzlich musste ich lachen, bis mir die Tränen übers Gesicht liefen. Lachen wie ich noch nie in meinem Leben gelacht hatte. Sven sah mich ein wenig unsicher an, aber ich konnte keine Erklärung geben, da das Lachen meine Sprechversuche erstickte. Es war einfach zu komisch, und auch schwer zu erklären. Mein Fallmanager auf der ARGE, der mich immer wie ein Stück Müll ansah, forderte immer wieder das ich mehr Eigeninitiative entwickeln sollte. So hatte er sich das bestimmt nicht vorgestellt.”

Mein Gesprächspartner reichte mir ein Kleenextuch und ich trocknete meine Augen. Langsam bekam ich wieder Luft und erklärte ihn, was mich so zum Lachen veranlasst hatte.

Das fand er nun auch zum Lachen, wurde aber schnell wieder ernst. “Ja, es ist schon seltsam und bestimmt nicht das, was der Herr gemeint hat. Aber wie heißt es? Manchmal muss man ungewöhnliche Wege gehen.”

Nachdem ich mich nun wieder gefasst hatte, wurde ich gleich wieder unsicher und fragte zögerlich: “Bieten sie mir eine Stelle als Verkäufer an? Dazu muss ich ihnen gleich sagen, habe ich keine Eignung. Nicht einmal ansatzweise. Menschen verunsichern mich und ich mag nicht mit ihnen sprechen.” Bei der Vorstellung Möbel verkaufen zu sollen und mich mit zänkischen Frauen über Farben und Liefermöglichkeiten auseinander zu setzen, während ihre Männer mich herablassend als lebensuntüchtig einstuften, ließ Panik in mir aufsteigen. Mir wurde die Luft knapp und ich sah mich ängstlich nach der Tür um.

Sven Jürgens legte mir beruhigend die Hand auf die Schulter: “Nur Ruhe Martin, keine Angst. Verkäufer sollen sie nicht werden. Jedenfalls nicht im klassischen Sinne.”

Ich fuhr auf: “Was heißt nicht im klassischen Sinne?”

Jürgens winkte mich zu seinem Schreibtisch und betätigte die Maus seines Computers. Der Bildschirmschoner verschwand vom Monitor und es erschien das Bild einer Wohnung. Küche, Bad, Wohn-, Arbeits- und Schlafzimmer.


Lebst du noch, oder wohnst du nur? – 3. Kapitel

copyright Karin Braun

Das Wochenende“

Samstag Abend um 20:00 suchte ich mir einen Teller und Besteck aus der Küchenabteilung und ging noch schnell runter in die Markthalle. Das Bett, welches ich mir für die Nacht ausgesucht hatte, ein sehr schönes, 1,40 m breites französisches Modell mit vielen Kissen und ohne Besucherritze, hatte leider nur eine sehr dünne Bettdecke und ich fror doch leicht. Also dachte ich mir, dass in der Markthalle vielleicht auch richtig dicke Daunendecken wären. Nachdem ich das passende gefunden hatte, nahm ich mir noch eine Wolldecke mit und suchte mir auf dem Rückweg in mein Schlafzimmer auch noch etwas zum Lesen aus. Dann richtete ich mir mein Abendbrot und schaltete den Fernseher leise ein. Das war ein Erlebnis. Nach 2 Jahren ohne TV genoss ich es mich quer durch das Programm zu zappen, dabei Bier zu trinken und Chips zu essen. Als ich dann endlich ins Bett ging, fiel mir auf, dass ich nicht einmal Angst gehabt hatte, entdeckt zu werden, sondern mich rundherum wohlgefühlte. Ich las noch ein paar Seiten und dann schlief ich ein.

Den Sonntagmorgen verbrachte ich im Bett. Lesen, dösen und einfach die Weichheit der Matraze und die Satinbettwäsche geniessen. Eigentlich hätte ich gerne einen Kaffee getrunken, hatte aber vergessen mir löslichen mitzubringen. Das bedauerte ich nun doch, weil ich gemerkt hatte das es in der einen Küche einen Wasserkocher gab, der funktionierte. Überhaupt lagen das Wohnzimmer, die Küchenecke und das Schlafzimmer nicht all zu weit auseinander, und sogar ein kleiner Arbeitsplatz mit Computer war in der Nähe. Das war auch nicht schlecht. Vor einiger Zeit hatte das Jobcenter mich gezwungen, eine Profilingmassnahme zu besuchen. Dort hatte ich gelernt mit einem Computer umzugehen und auch, wie man das Internet nutzte. Damals fand ich es total überflüssig, da ich mir nie einen Rechner würde leisten können und weil mich nie jemand einstellen würde. Doch nun konnte ich meine Kenntnisse gut gebrauchen. Der Rechner war nämlich mit dem Internet verbunden und so surfte ich den halben Nachmittag durch die verschiedenen Zeitungen und informierte mich über Themen die mich interessierten. Damit war ich so beschäftigt, dass ich gar nicht bermerkte, dass jemand neben mir stand. Stellen sie sich nur meinen Schreck vor, als ich aufsah und neben mir den Wachmann entdeckte, der mich freundlich anlächelte. Mich traf fast der Schlag. Bevor ich irgend etwas heraus brachte, sprach er:

Hallo, man hat mir gar nicht gesagt, dass das Wochenende jemand anders auch noch hier sein wird. Aber schön dann bin ich nicht so alleine.“

Ich wußte nicht, was ich erwidern sollte und so starrte ich einfach auf den Bildschirm vor mir. Er sprach weiter: „Ich heiße übrigens Ernst. Was meinen sie, wollen wir heute abend zusammen das Spiel gucken? ich hab ein Bierchen mit.“ Er lächelte entschuldigend: „Natürlich alkoholfrei!”

Mühsam presste ich heraus: „Ich bin Martin“ Dann erschrak ich: Wäre es nicht besser gewesen einen falschen Namen zu nennen? Stotternd sprach ich weiter: „Ja Ernst, wäre sicher nett. Kommen sie doch so um acht.“

Ernst tippte sich an die Mütze und ging. Merkwürdig ruhig schaltete ich den Rechner aus und ging in die Küche. Dort nahm ich mir ein Bier und setzte mich an den Tisch, während meine Gedanken rasten: Was sollte ich bloß machen? Wenn Ernst plauderte dann würde ich eine Anzeige erhalten. Das hatte mir noch gefehlt. Mich schreckte auch nicht, dass ich sicherlich mit einer Geldstrafe rechnen mußte, viel mehr bedauerte ich, dass es nun endgültig vorbei sein würde mit meinen Wochenenden und Abenden hier. Denn ganz sicher würde ich Hausverbot bekommen, da biss die Maus keinen Faden ab. Kurz erwog ich, Ernst die Wahrheit zu sagen. Er schien ein netter Kerl zu sein. Komisch, dass er sich nicht mehr gewundert hatte mich hier zu finden. Nun, wahrscheinlich war er ein wenig beschränkt. Doch das konnte ja nur von Vorteil für mich sein, so lange er nur nicht redete.

Ich beschloss einfach, auf seine Vorgabe einzugehen, und mich zu verhalten als wenn alles seine Richtigkeit hätte mit meinem Aufenthalt hier. Ein kurzer Blick auf die Uhr sagte, dass es bereits 19:30 war. Noch eine halbe Stunde bis mein Besuch kam und so ging ich zum Küchenschrank und sichtete meine Vorräte. Mir wurde richtig warm ums Herz, als ich die Lebensmittel alle ordentlich in den Schrank sortiert sah. Zu Hause ließ ich alles auf dem Tisch stehen, die Schränke waren nur für das Geschirr, das ich nicht brauchte. Die Sachen die ich in Gebrauch hatte, standen auf und in der Spüle. Doch hier machte es mir Spass, alles ordentlich zu haben. Plötzlich merkte ich, dass ich mich darauf freute Besuch zu bekommen. Seit Jahren schon war niemand mehr zu mir gekommen, oder hatte mich jemand aufgefordert mit ihm etwas zu unternehmen. Wollte ich ja auch gar nicht. Na ja, ehrlich gesagt: meistens wollte ich keinen sehen, aber so zu einem Fußballspiel war es sicher schön Gesellschaft zu haben. Also dachte ich: Mach ich es gemütlich. Unten in der Markthalle hatte ich Kerzen gesehen und auch Glasschalen für Knabberkram. Die Dinge holte ich und arrangierte sie auf dem Couchtisch Malmö.

Während des Spiels vergaß ich sogar eine Zeitlang, in welcher Situation ich mich befand. Ernst war ein angenehmer Gesellschafter und ich genoss es, diesen Abend Gesellschaft zu haben. Doch als dann das Spiel zu Ende war, kam da doch wieder so ein beklommenes Gefühl. Wie konnte das hier angehen? Normalerweise müßte ich schon hochkantig rausgeschmiessen worden sein und Hausverbot auf Lebenszeit haben. Ganz zu Schweigen von der Anzeige. Welchen Straftatbestand stellte es dar, wenn man bei IKEA einzog? Hausfriedensbruch? Diebstahl? Ich hatte keine Ahnung.

Ernst gähnte und stand aus dem Sessel auf. „Danke für den schönen Abend, aber jetzt muß ich noch mal meine Tour machen und dann brauche ich einen starken Kaffee, sonst überstehe ich die Nacht nicht.“

Ich begleitete ihn noch bis zur Treppe. Noch einmal versicherten wir uns, wie angenehm wir die Gesellschaft des jeweils anderen gefunden hätten, und dass wir so etwas gerne einmal wieder holen sollten. Erleichterung machte sich bei mir breit. Ernst hatte anscheinend immer noch nicht bemerkt, dass hier nicht alles seine Richtigkeit hatte. Noch diese und nächste Nacht und dann würde ich mich vom Acker machen. Sicher würde ich noch manchmal ins Restaurant kommen, aber nur tagsüber. Zu meiner Erleichterung gesellte sich nun Trauer. Der Gedanke daran, in mein altes Leben zurückzukehren, ohne diese kleine Flucht daraus zu haben, drückte mich nieder. Wütend schluckte ich die aufsteigenden Tränen herunter. Die alte Bitterkeit stieg in mir hoch. Immer wenn ich einmal etwas hatte, das mein Leben ein wenig schöner machte, wurde es mir wieder genommen. Ich wischte mir über die Augen: Wenigstens die paar Stunden, die ich noch hier hatte, würde ich geniessen, das ließ ich mir nicht nehmen.

Am Montag schlief ich wieder lange. Ich schalte das Radio ein und war so zufrieden, dass ich sogar bei einigen Songs mitsummte. Es war ja der Oldiesender, die Sachen kannte ich noch. Musik, die jetzt up to date war, interessierte mich nicht. Nach dem Frühstück sah ich mich in der Ausstellung um und setzte mich einen Augenblick in eines der Kinderzimmer. So hatte meines damals nicht ausgesehen. Das war eher grau gewesen. Hier war alles bunt und die Sachen luden zum Spielen ein. Mir schoß der Gedanke durch den Kopf, dass es schön sein mußte Kind in so einem Zimmer zu sein. Vielleicht wäre es auch schön ein Kind zu haben, mit diesen Möglichkeiten. Überrascht ließ ich den Teddybären fallen, den ich in meinen Händen hielt. Vielleicht war es ganz gut, dass ich erst einmal nicht mehr herkommen konnte. Diese Umgebung schien einen zu korrumpieren. Es sollte schön sein, Kinder zu haben? Was sollte denn daran schön sein? Diese Biester würden mich doch nur tyrannisieren. Genau wie alle anderen. Ausserdem ist es total verantwortungslos in diese Welt Kinder zu setzen.

Ich sah mich noch einmal in dem Zimmer um und dachte kurz: Na ja, vielleicht wäre es ja doch nett… Dann ging ich schnell in mein Wohnzimmer und las die Zeitung. Die üblichen Katastrophennachrichten rückten mir mein Weltbild wieder zurecht. Was sollten Kinder in dieser Welt? Unsere Zivilisation war verrottet und da täuschte auch kein buntes Kinderzimmer drüber hinweg.

Den Tag verbrachte ich vor dem Fernseher und mit Lesen. Ab und an machte ich mir etwas zu Essen und ansonsten ließ ich einfach meine Seele baumeln. Den, wahrscheinlich erst einmal, letzten, Tag hier wollte ich mir nicht vermiesen lassen.

Abends kam dann Ernst noch auf seiner Runde vorbei. Er setzte sich ein wenig zu mir und zuerst fühlte ich mich wieder leicht mulmig, doch dann entspannte ich mich. Als er ging, begleitete ich ihn wieder bis zur Treppe ins Erdgeschoss und verabschiedete mich von ihm. Gerade als ich überlegte. ob ich ihn nicht bitten sollte mich durch den Personalausgang rauszulassen, damit ich den Stress und die Angst morgen früh vermeiden konnte, sagte er: „Übrigens Martin, bevor du morgen gehst, sollst du ins Chefbüro kommen.“ Ich fühlte mich, als wenn mir jemand mit voller Kraft in den Magen gehauen hätte und stammelte: „Wie? Warum soll ich ins Chefbüro?“

Ernst klopfte mir kameradschaftlich auf die Schulter: „Nun mach dir nicht gleich ins Hemd. Jürgens hat angerufen, der Standortleiter hier, und wollte wissen ob alles in Ordnung ist. Da habe ich ihm gesagt: „Dass ich es nicht okay finde, dass sie mich nicht informiert haben, dass das Experiment bereits gestartet ist.“ Er grinste: „Einen Moment dachte ich, der weiß gar nichts davon, so perplex wie der war, aber dann meinte er nur, Ach ja, ich erinnere mich. Sagen sie dem Herrn, ich möchte ihn morgen um 07:30 in meinem Büro sprechen.

Während es mir die Eingeweide zusammen zog, nickte ich nur schwach. Ich fragte noch kurz, wie ich zu dem Büro käme und ging dann mit bleischweren Füssen zurück in meine Wohnung. Dort starrte ich eine Weile in die Luft, während meine Gedanken rasten: Wie hatte ich überhaupt annehmen können hier ein Wochenende zu verbringen und nicht entdeckt zu werden. Ich schalt mich einen Esel, dass ich so naiv war. Was würde nun passieren? Sicher würde die Polizei eingeschaltet werden. Doch irgendetwas stimmte nicht. Dieser Jürgens hatte Ernst gegenüber meine Geschichte bestätigt, und ihn nicht aufgefordert, mich rauszuschmeissen oder die Polizei zu informieren. Nur, dass ich in sein Büro kommen sollte, hatte er angeordnet. Das machte mir ein wenig Hoffnung noch einmal mit einem blauen Auge davon zu kommen. Was allerdings bei meinem Pech sehr ungewöhnlich wäre.

Irgendwann ging ich schlafen. Doch diese Nacht war alles andere als entspannend. Ein Alptraum nach dem nächsten schreckte mich aus dem Schlaf. Einmal träumte ich, dass ich zu einem Möbelstück in der Ausstellung wurde. Zu einem stummen Diener. Ich erwachte als sie gerade das Schild: Kleiderständer „Martin“ anbringen wollten. Es war noch recht früh. Also machte ich mich erst einmal dran und räumte alles auf, wenigsten wollte ich den Leuten hier nicht noch Anlass geben, mich des Vandalismus zu bezichtigen. Dann machte ich eine Aufstellung von den Dingen, die ich aus der Markthalle genommen hatte. Da kam nicht viel zusammen, aber ich wollte doch nicht den Eindruck vermitteln, dass ich mich durch schnorren wollte.

Endlich war es 07:20 und ich machte mich langsam auf den Weg zum Chefbüro. Vor der Tür zögerte ich, vielleicht sollte ich mich irgendwo verstecken und versuchen zu entwischen, wenn die Türen sich öffneten. Bevor ich aber eine Entscheidung treffen konnte, wurde mir diese aus der Hand genommen. Die Tür öffnete sich von innen und eine Frau so um die dreißig, mit langen blonden Haaren, öffnete mir und begann sofort zu sprechen: „Kommen sie rein, Sven erwartet sie bereits.“ Wenn möglich guckte ich noch irritierter. SVEN!!. Das hörte sich ja an, als wenn wir uns ewig kannten und es nichts ungewöhnliches war, dass er jemanden empfing, der widerrechtlich das Wochenende in der Ausstellung verbracht hatte. Bevor ich mehr als: “Guten Morgen”. Stammeln konnte hatte sie mich bereits hineingeleitet und wir waren auf dem halben Weg durchs Vorzimmer.


Lebst du noch, oder wohnst du nur? – 2. Kapitel

copyright Karin Braun

„Der erste Regentag und die erste Nacht“

Als dann endlich der erste Regentag kam, konnte ich es erst zum Nachmittag im Möbelhaus sein, leider. Ich mußte noch Zeitungen austragen, dann dieser kleine Nebenverdienst sicherte mir ja den Luxus auswärts zu essen. Doch zurück zu diesem Tag. Ich hatte wie gesagt gearbeitet und mich dann schnell zu Hause umgezogen. Diesen Nachmittag wollte ich vollkommen geniessen und nicht durchgeregnet und abgehetzt dort ankommen. Ich hatte diesmal meinen Walkman und einige Zeitschriften eingepackt und nach dem ich im Café ein Stück Kuchen gegessen hatte, ging ich noch in den IKEA-Shop und besorgte mir eine Tafel Schokolade. Dieser Tag sollte richtig gefeiert werden. Wieder zurück in der Ausstellung sah ich mich erst einmal um, heute wollte ich mir etwas ganz besonderes zum Wohnen aussuchen und wieder gefiel mir das Arbeitszimmer mit den Regalen und dem Ledersessel am Besten. Erfreulicher Weise stand der Sessel diesmal auch so, dass er nur von einer Seite einsichtbar war, zur Seite hin wurde er von einem Raumteiler verdeckt. So konnte ich es wagen. Also packte ich meine mitgebrachten Sachen auf den kleinen Beistelltisch und machte es mir bequem. Es war herrlich. Ich dachte früher immer Leder müsse hart sein, aber dieser Sessel umschmiegte meinen Körper perfekt. Wenn ich mich zurücklehnte ging die Rückenlehne mit und es klappte sich ein Teil aus, auf dem ich meine Füsse hochlegen konnte. Welcher Luxus! Verstehen sie mich richtig, eigentlich hasse ich Luxus, aber wenn er nichts kostet, warum nicht? Ich verbrachte den ganzen Nachmittag bis zum frühen Abend dort und ging erst als eine Lautsprecherdurchsage kam, dass in einer Viertelstunde geschlossen würde.

Als ich das Möbelhaus verließ regenete es wieder in Strömen und ich konnte mich kaum aufraffen nach Hause zu gehen. Dann in meinem Zimmer, mit seinen Sperrmüllmöbeln und dem muffigen Gestank packte mich eine tiefe Traurigkeit. Es war ein regelrechter Kulturschock.

Der nächste Tag war ein Freitag und ich hatte bis zum späten Nachmittag mit den Zeitungen zu tun, als ich endlich im Möbelhaus ankam war ich total genervt. Sonst genieße ich es immer mit dem Fahrrad zu fahren und die Zeitungen zu verteilen, aber diesmal war ich in Gedanken nur bei meiner neuen Zuflucht. Ich konnte mich nicht konzentrieren und hatte tatsächlich eine ganze Straße vergessen, und mußte ich nochmals los. Da dieser Bezirk recht weit draussen lag war ich anschließend nur noch müde. Endlich in meiner neuen Heimat angekommen ging ich gar nicht erst ins Cafe sondern direkt in mein Zimmer. Diesmal streckte ich mich auf der Couch aus. Mir war es egal ob ich entdeckt wurde, ich wollte nur eine Stunde meine Ruhe, dann würde ich ins Restaurant gehen, zu abend essen und es mir dort ein wenig gemütlich machen. Nun das mit dem Abendessen wurde nichts, als ich erwachte war die Ausstellung leer und es brannte nur noch die Notbeleuchtung. Können sie sich vorstellen, wie gespenstisch das ist? Nun jedenfalls mich packte die Furcht, einmal vor dieser ungewohnten Atmosphäre und dann vor der Entdeckung. So ein Objekt von der Größe wurde doch sicher überwacht. Den Rest der Nacht verbrachte ich hin und hergerissen zwischen Wut und Angst. Wenn ich nicht sauer auf mich war, legte ich mir Ausreden zurecht warum ich die Nacht hier verbracht hatte. Es sollte mich ja schließlich niemand für einen Penner halten. Irgendwann am frühen Morgen mußte ich doch eingeschlafen sein, denn ich schreckte durch die Begrüßungsrufe der Verkäufer hoch. Mir blieb fast das Herz stehen, denn eigentlich hatte ich vorgehabt mich kurz vor acht auf die Toilette zu verziehen und dort zu bleiben bis offiziell geöffnet wurde. Es war merkwürdig, direkt an meinem Zimmer gingen zwei junge Frauen vorbei, sie sahen direkt zu mir und setzten ihren Weg fort ohne mich zur Kenntnis zu nehmen. Ausser durch ein kurzes Begrüßungsnicken.

Ich legte die Decken zusammen und packte meine Sachen. Dann ging ich auf die Toilette mich frischmachen. Als ich wieder herauskam war das Restaurant bereits geöffnet und ich gönnte mir ein Frühstück.

Die nächsten zwei Tage traute ich mich nicht in das Möbelhaus. Immer noch konnte ich es nicht glauben, dass ich dort geschlafen hatte und nicht erwischt worden war. Doch am allermeisten irritierte mich das die beiden Verkäuferinnen mir zugenickt hatten, als wenn ich „dazu“ gehörte. Das ließ mir keine Ruhe und je mehr ich darüber nachdachte um so merkwürdiger kam es mir vor und dann kam der Gedanke: Wenn es einmal geklappt hatte, warum denn nicht noch mal? Warum nicht gleich ein Wochenende? Es packte mich Abendteuerlust. So lebendig hatte ich mich schon seit Jahrzehnten gefühlt. Erst plante ich das Wochenende bei IKEA nur theoretisch, stellte mir vor, welchen Proviant ich brauchte und welche Bücher ich mitnehmen würde. Auch fragte ich mich ob vielleicht einer der Fernseher in der Ausstellung angeschlossen wäre? Zuhause hatte ich ja nur diesen kleinen Schwarzweißbriemarkenschirm, der ja seit der Digitalisierung des Empfanges überflüssig war, und auch vorher nicht das reine Sehvergnügen gewährleistete. Wäre schon was anderes mal auf einem großen Bildschirm zu gucken. Aber das wäre sicher zu laut und der Wachdienst würde aufmerksam werden. Jedenfalls ging mir die Sache nicht aus dem Kopf und als es Freitag wurde und ich wieder auf ein einsames, langweiliges Wochenende vor mir guckte, was diesmal dank des merkwürdigen „Tags der deutschen Einheit“ noch länger als sonst wäre, beschloß ich es zu wagen. Am Freitag kaufte ich mir meinen Proviant ein und fuhr schon mal in mein WE-Domicil. Dort verstaute ich einige Saft und Selterflaschen unter dem Bett und stellte einige meiner Bücher in den Schrank. Bevor ich wieder ging, schaltete ich den Fernseher ein, nur so probehalber. Er ging tatsächlich. Das war ja besser als erwartet. Die Nacht bis zum Samstag fand ich kaum Schlaf und war trotzdem hellwach als ich morgens aufstand. Es war toll diese Vorfreude gemischt mit der Angst vor Entdeckung. So lebendig hatte ich mich das letzte Mal gefühlt… Ja wann eigentlich? Genaugenommen nicht mehr seit ich als 12-jähriger von zu Hause weggelaufen war. Da hatte ich 2 Tage die absolute Freiheit genossen. Doch dann hatten sie mich gefunden und wieder nach Hause gebracht und trotz der Tracht Prügel die es setzte war es die Sache einfach wert gewesen. Wie ich so an diese alte Geschichte dachte kam doch eine leichte Angst in mir hoch. Was wäre wenn ich dieses Mal erwischt würde? Wie wäre die Strafe da? Wäre sie das Erlebnis auch wert? Ich sah mein Gesicht im Spiegel, vergrämt und ängstlich und mich packte die Wut, ich hatte es satt. Nie hatte ich mich so lebendig gefühlt wie in den letzten Tagen, in denen ich mein Wochenende geplant hatte. Meine Laune war derart gut, dass ich sogar meine Nachbarin gegrüßt hatte. Ich kann meine Nachbarn eigentlich alle nicht leiden, aber die Vorfreude auf mein Abenteuer hatte mir so eine gute Laune gemacht, dass ich der Frau sogar die Tür aufgehalten hatte während ich ihr einen guten Tag wünschte. Für einen anderen Nachbarn hatte ich sogar ein Paket angenommen habe. Ich schob also meine Bedenken und Ängste bei Seite und machte mich daran mich zu rasieren und die restlichen Sachen zu packen.


Lebst du noch, oder wohnst du nur – 1. Kapitel

Lebst du noch oder wohnst du nur?

Karin Braun 06/2006

Wie hatte es eigentlich angefangen? Wo war der Punkt an dem sich alles veränderte? Ich kann es nicht mehr genau festmachen. War es der Tag an dem ich das erste Mal über Nacht blieb? Nein, es begann früher. Vor ungefähr einem Jahr war es, am ersten schönen Maitag des Jahres. Ich hatte bei IKEA gefrühstückt. Eigentlich nichts ungewöhnliches, das Essen dort ist gut und billig. Ausserdem sitzt man nett und kann Menschen sehen ohne sich unterhalten zu müssen. Ich hasse es mich unterhalten zu müssen. Also, ich hatte gefrühstückt und als ich den Laden verlies sah ich in der Gartenausstellung diesen Stuhl. Ein Stahlrohrgestell in dem sich eine Art Netz als Sitzfläche spannte. Um es gleich zu sagen: Ich interessiere mich nicht für Möbel! Mein Zimmer ist klein, ich wohne möbliert, und bin ohne unnötigen Schnickschnack eingerichtet. Aber dieser Stuhl sprach mich an. Wahrscheinlich war es seine ungewöhnliche Form, jedenfalls setzte ich mich hinein und es war schön. Herrlich bequem. Hatte ich wirklich nicht vermutet so merkwürdig wie der aussah. Dazu noch die Sonne und das Treiben auf dem Parkplatz. Es war so angenehm das ich bald eine halbe Stunde dort sitzen blieb. Dann ging ich nach Hause und selbst dort ging mir der Stuhl nicht mehr aus dem Kopf. Zwei Tage später war ich wieder dort und wieder setzte ich mich nach dem Frühstück in die Sonne in dieses wunderbare Sitzmöbel. Diesmal hatte ich mir sogar eine Zeitung mitgebracht und blieb fast zwei Stunden dort. So ging es einige Wochen. Nicht jeden Tag, aber so oft ich konnte ging ich dort essen und setzte mich anschließend in „meinen“ Stuhl. Mit der Zeit passierte etwas womit ich niemals gerechnet hätte. Ich begann mich glücklich zu fühlen. Ein Gefühl das ich seit Jahren nicht mehr kannte. Wenn ich es recht überlege, nie gekannt hatte. Es war nicht so ein überschäumendes Glück, sondern eher eine tiefe Zufriedenheit. Nun um es kurz zu machen, meine Theorie das ich grundsätzlich Pech habe sollte sich nicht bestätigen. Alles war bestens, bis zu dem Tag an dem es, kaum das ich aus dem Restaurant wollte, in Strömen zu regnen anfing. Meine Stimmung sackte sofort auf den absoluten Nullpunkt: Da freute ich mich auf einen gemütlichen Nachmittag mit „meinem“ Stuhl und nun das. Schon der Gedanke, dass ich zurück in meine Wohnung müsste ohne das übliche Ritual machte mich wütend. Es war ja nicht so, dass es viel Schönes in meinem Leben gab. Ich war fast 50 Jahre alt, alleinstehend, arbeitslos mit kleinem Zuverdienst und alleine. Es gab keine Verwandten und keine Freunde. Natürlich habe ich Verwandte, aber keinen Kontakt zu Ihnen. Ich hasse meine Familie, erst einmal weil sie Leute sind und ich Leute hasse und dann noch weil sie Spießer sind und immer etwas von mir erwarten. Also war ich alleine. Hobbys hatte ich auch keine. Seit der Digitalisierung hatte ich keinen Fernseher mehr. Im Radio lief eh nur Müll und für Reisen oder Ausflüge hatte ich kein Geld. Ich hatte nur diesen Stuhl.

Ich war schon fast so weit zu gehen und erst den nächsten Tag wiederzukommen, doch wollte ich mich nicht so schnell geschlagen geben. Also holte ich mir noch eine Tasse Kaffee und wartete. Vielleicht war es ja nur ein Schauer, bestimmt würde es wieder aufklaren. Ich setzte mich direkt ans Fenster, obwohl der einzige Tisch der dort frei war in der Nähe der Kinderecke war. Ich kann diese nervigen kleinen Biester nicht ausstehen. Doch von hier konnte ich wenigstens sehen wann der Regen aufhörte. Nach der dritten Tasse wurde mir klar das es nicht geschehen würde. Wütend und traurig ging ich nach Hause und legte mich ins Bett. Während ich da lag und mich fragte warum mir nicht mal dieses kleine Glück gegönnt wurde, durchfuhr es mich siedend heiß, heute hatte es geregnet und war ein wenig kalt gewesen, der Sommer war noch nicht vorbei und es konnten noch ein paar schöne Tage kommen, aber was sollte ich im Winter machen. Zitternd setzte ich mich auf und sah mich in meinem Zimmer um. Muffig, kalt und feucht war es und einsam. Wie gesagt ich mag keine Menschen, jedenfalls nicht wenn sie mit mir reden, oder etwas von mir erwarten. Die Leute erwarten immer etwas von einem, dass ist nun mal so und was konnte ich ihnen schon geben? Hatte nichts erreicht! Lebte vom Staat! War alt! Mich wollte ja doch keiner und ich wollte auch keinen. Mehrmals hatte ich daran gedacht mich umzubringen, hatte dann aber davon die Finger gelassen. Wenn das schiefgegangen wäre, hätte ich ja mit dem Wissen leben müssen, dass ich nicht einmal das richtig hin bekam. Nein, dann lieber noch die paar Jahre die mir noch blieben so ruhig wie möglich verbringen. An Schlaf war in dieser Nacht nicht mehr zu denken. Am Morgen stand ich sofort auf und fuhr wieder zum Möbelhaus. Der Parkplatz war noch leer und die Türen verschlossen. „Mein“ Stuhl stand noch im Foyer. Ich wartete bald zwei Stunden bis geöffnet wurde, dann ging ich ins Restaurant. Immer noch war ich traurig bei dem Gedanken das mein einziges Vergnügen mit dem Herbst zu Ende gehen sollte. Dann während ich mir mein Brötchen schmierte kam mir ein Gedanke: Warum sollte es zu Ende gehen? Hier gab es doch genug Möbel. Ich würde es versuchen. Gleich nach dem Essen würde ich in die Ausstellung gehen und mich umsehen. Um es gleich zu sagen: Essen ging ich hier seit einiger Zeit, aber ausser dem Restaurant hatte ich noch nichts von dem Geschäft gesehen. Ich mag keine Kaufhäuser! Egal ob Kleidung oder Möbel! Es ist öde sich Dinge anzusehen, die man sich nicht kaufen kann, und die man ja auch nicht wirklich braucht. Aber diesmal hatte ich ein Ziel, und so ass ich hastig auf und machte mich auf den Weg durch die Abteilungen. Es war toll. Da waren die verschiedensten Möglichkeiten aufgebaut. Gemütliche Wohn-, Arbeits- und Schlafzimmer. Kleine und große Küchen und alles mit Assesoires versehen. Eine unendliche Reihe von Möglichkeiten. Mir gefiel besonders ein in dunklen Tönen gehaltenes Arbeitstimmer mit vielen Bücherregalen und einem schweren Ledersessel, aber das war doch sehr leicht einsehbar und daher suchte ich weiter. Zwei Nischen weiter fand ich dann das Ideale, ein Hochbett mit Namen Tromso, unter dem eine kuschelige Couch stand. Hier setzte ich mich hin und das Gefühl war gut, nicht so entspannt wie in meinem Stuhl aber doch gut. Interessanterweise bestätigten sich meine Befürchtungen nicht. Ich hatte damit gerechnet, dass die Kunden komisch gucken würden, oder das das Personal

mich auffordern würde zu gehen, aber nichts passierte. Wenn jemand in die Kulisse kam und guckte, nickte er mir freundlich zu. Einmal sagte eine Frau sogar: „Gemütlich haben sie es hier!“ und schien nicht einmal eine Antwort zu erwarten. Es war toll. Ich beschloß hier den nächsten Regentag zu verbringen. Heute war das Wetter zu schön und ich wollte noch ein wenig nach draussen zu meinem Stuhl.


Kurzgeschichte – Magere Zeiten

Magere Zeiten – Oder wenn sparen zur Sucht wird

copyright Karin Braun

Nervös sah ich mich im Wartezimmer um. Hoffentlich war hier niemand der mich kannte. Schließlich musste es ja nicht Stadtgespräch werden, dass ich zu einem Therapeuten ging. Nicht das es mich so sehr interessiert was die Leute sagen, aber ich denke mir, wenn man in dieser Umgebung gesehen wird, läuft die Fantasie schon mal Amok, und wer weiß was für Probleme man mir unterstellen würde. Schließlich war ich ja nur hier, weil mein Arzt es mir geraten hatte und um Schlimmeres zu vermeiden. Er meinte, dass der Tod meiner Mutter mich ein wenig aus der Bahn geworfen hätte. Dabei war mir wirklich nicht klar was er damit sagen wollte.

Sicher war es nicht leicht gewesen. Für wen wäre es das schon? Mich allerdings hatte es besonders schwer getroffen. Bis auf meine Studienzeit, habe ich immer mit meiner Mutter zusammen gelebt. Wir waren eher wie Schwestern gewesen. Besonders nachdem Vater gegangen war, übrigens ohne ein Wort, rückten wir noch enger zusammen. Mein Erzeuger war eines Abends aufgestanden um Zigaretten zu holen. Am nächsten Morgen wurden wir von der Polizei informiert, dass er von einem Laster überfahren worden sei. Bis dahin war uns noch nicht einmal aufgefallen, dass er noch nicht zurück war. Wir arrangierten seine Beerdigung und lebten weiter wie bisher. Damals war ich 22 und war doch überrascht wenig er uns fehlte. Mutter meinte: “Nun ja, viel gesagt hat er ja nie. Vielleicht liegt es daran.” Dann räumten wir seine Sachen aus und verschlossen sein Zimmer. Wir brauchten es nicht. Das kleine Haus war gross genug für uns beide. So lebten wir glücklich und zufrieden, bis zu dem Tag an dem Mutter einen Herzinfarkt hatte und starb. Es geschah so plötzlich, dass ich es einfach nicht fassen konnte. Wir hatten nicht einmal gewusst, dass sie Probleme hatte. Diesmal arrangierte ich die Beerdigung und verschloss ihr Zimmer. Für mich reichten die verbleibenden Räume.

Bald nach Mutters Hinscheiden tauchte ein Problem finanzieller Natur auf. Bis zu ihrem Tod hatten wir von ihrer Witwenrente und Vaters Lebensversicherung gelebt. Ein eigenes Einkommen hatte ich nicht. Irgendwie hatte es sich nie ergeben. Unsere Bezüge reichte für unseren Lebensstil aus. Wir brauchten ja nicht so viel. Ab und an einmal ein kleiner Urlaub und ein Essen ausser Haus war unser einziger Luxus. Ansonsten waren wir uns selber genug. Nach Mutters Tod gab es nun keine Rente mehr. Sicher hatte sie einige Ersparnisse, und nach der Auszahlung ihrer Lebensversicherung, würde ich zurechtkommen. Aber bis dahin konnte es ein wenig dauern. Nachdem ich die Kosten für die Beerdigung beglichen hatte, machte ich Kassensturz. Meiner Rechnung nach müsste ich die nächsten drei Monate mit dem vorhandenen auskommen, wenn ich gut wirtschaftete. Also überlegte ich mir wo ich sparen könnte. Vielleicht sollte ich das Haus verkaufen. Aber nein das wollte ich nicht. Es waren zu viele schöne Erinnerungen damit verbunden. Mutter und ich waren hier glücklich gewesen. Aus dem gleichen Grund, kam der Verkauf von einigen Möbeln und Schmuck nicht in Frage. Also wo sparen. Schließlich hatte ich es. Ich würde die meisten Zimmer verschließen. Wenn ich mit ein Bett in die Wohnküche stellte, dann konnte ich im ganzen Haus die Heizungen auf Sparflamme schalten. In der Küche war es bis in den Herbst hinein warm genug, und im Winter konnte ich den Ofen befeuern. So würde ich kein Öl brauchen. Meine Kleidung hatte im Garderobenschrank im Flur Platz und den Fernseher würde ich abschaffen. Es gab ja die Bücherei und das Radio. Wenn die Lebensversicherung ausgezahlt würde, konnte ich es ja wieder ändern. Bis dahin würde ich mich halt einschränken.

Mein neues Arrangement gefiel mir ausgesprochen gut. Da ich nur noch einen Raum, dass Bad und den Flur nutzte, reduzierte sich die Hausarbeit drastisch. Lebensmittel brauchte ich, ausser Brot, Milch und Obst, auch keine. Der Gefrierschrank war randvoll. Den würde ich leer essen und dann ausschalten. Für eine Person war der viel zu gross und verbrauchte zu viel Strom. Ende der ersten Woche, machte ich erneut Kassensturz, und stellte fest, dass ich fast 30 % eingespart hatte. Das war ja recht zufrieden stellend dachte ich, aber es musste doch noch mehr Ersparnis möglich sein. Beim nächsten Wochenmarktbesuch sah ich dann wie eine Verkäuferin Obst und Gemüse aussortierte und in eine Extrakiste legte. Ich fragte was sie mit diesem aussortierten Waren machen würden. Sie erklärte mir, dass diese leicht angestossenen Produkte nach Marktschluss verschenkt würden. Es würde da immer dankbare Abnehmer finden, denn nicht jeder könnte sich dieser Tage den Ankauf von frischen Produkten leisten.  Das brachte mich auf eine weitere Sparidee. Ich würde nicht mehr gleich morgens zum Markt gehen, sondern um die Mittagszeit, dann würde ich meinen Obstbedarf aus den Resten decken und so noch weitere Kosten reduzieren können. So hielt ich es denn zukünftig. Es kam mir gar nicht die Idee, dass ich damit vielleicht anderen, die es nötiger brauchten etwas wegnahm. Schließlich war ich auch bedürftig. Wenn ich mir so ansah wer sich da nach Marktschluss bediente, so hatte ich wohl mehr das Recht als diese. Mutter hatte auch immer gesagt: Wenn die Leute nicht trinken würden, hätten sie auch Geld für Essen und Wohnung. Recht hatte sie! Die ersten Male nahm ich auch nur mit, was ich unmittelbar brauchte, aber dann bediente ich mich reichlich. Vorrat konnte nicht schaden, wer weiß was noch kommen würde. Die Reserven in der Gefriertruhe würden ja nicht ewig halten, und die Kosten für deren Betrieb lohnten sich schon, wenn ich die Lebensmittel praktisch umsonst bekam. Ausserdem würde ich weiter Stromkosten reduzieren, in dem ich abends nur noch 2 Stunden Licht brennen ließ und das Radiohören auf bestimmte Sendungen beschränkte. Mein neues Leben gefiel mir gar nicht schlecht. Sicher, mir fehlte Mutter, aber ich wusste auch, dass sie stolz darauf wäre, wie gut ich zurecht kam.

Schließlich, nach fast vier Monaten wurde die Lebensversicherung ausbezahlt. Nun brauche ich mir keine Sorgen mehr machen dachte ich, aber denn fiel mir ein, dass ich sehr wohl weiter vorsichtig wirtschaften musste. Denn ich hatte ja nie gearbeitet und so mit keine Rentenansprüche. Mittlerweile war ich fünfundvierzig und die Chancen einen Job zu finden waren denkbar gering. Aber das war ja auch nicht nötig. In den letzten Monaten hatte ich ja herausgefunden wie wenig ich brauchte. Also würde ich von den Zinsen leben können, und weitere Einsparungen waren ja auch noch möglich. Bis jetzt hatte ich jeden 2. Tag geduscht und einmal die Woche gebadet. Das würde ich schon mal streichen. Einmal die Woche baden reichte völlig aus. Das Badewasser konnte ich im Anschluss noch zum Bodenwischen verwenden. Bevor wir in diesem Sauberkeitswahn entwickelten hatten sich unsere Vorfahren mit dem Waschbecken, einem Stück Seife und einem Lappen begnügt. Das sollte doch auch für mich reichen. Mittlerweile war ich auch dazu übergegangen meine Kleidung nur noch alle Woche zu wechseln. Dadurch, dass ich nichts wegwarf, sondern die Sachen flickte, wirkte ich immer ein wenig ärmlich, was den positiven Effekt hatte, dass ich der Frau an der Fleischtheke leid tat und sie mir zu den Wurstresten, die ich dort kaufte, schon einmal eine Scheibe gekochten Schinken legte. Die Wurstreste bezahlte ich übrigens von den Pfandflaschen die ich dort abgab. Wenn man die Augen offen hielt, konnte man das Geld von der Strasse sammeln. Abends ging ich immer spazieren und dabei sammelte ich die Flaschen in meinem Rucksack zusammen. Oft fand ich auch noch das eine oder andere brauchbare Teil. Mal einen Fahrradreifen, mal eine Waschschüssel und beim Sperrmüll hatte ich eine Ledercouchgarnitur mitgenommen, die ich irgendwann in eines der leeren Zimmer stellen würde, bis ich es schaffte sie im Haus unterzubringen, parkte ich sie auf der Veranda. Es war eine ganz schöne Arbeit gewesen die schweren, sperrigen Teile die drei Strassen weit bis zu meinem Haus zu schleppen. Aber letztlich hatte ich es geschafft. Es war wirklich faszinierend mit wie wenig Geld ich auskam. Aber die Organisation meines Lebens nahm auch einiges an Zeit in Anspruch und mehr und mehr vergass ich so alltägliche Dinge, wie waschen und Wäschewechseln. Mir selber wäre es nicht aufgefallen, nur das mich die Nachbarn komisch ansahen bemerkte ich. Dachte aber, dass es mit meinen Haaren zu tun hatte. Wahrscheinlich war es doch so, dass Friseure eine Daseinsberechtigung hatte. Dieses hatte ich kurzfristig bezweifelt und einen Selbstversuch gewagt. Nun ja, es war eben doch nicht so einfach sich selber die Haare zu schneiden. Aber egal, es würde sich schon wieder zurecht wachsen, und ich konnte ja sparen in dem ich sie einfach wachsen ließ und mir einen Zopf flocht. Letztlich stellte sich dann heraus, dass nicht meine Haare der Anlass für das Interesse meiner Nachbarn waren, sondern die allgemeinen Veränderungen rund um meine Person.  Eines Tages standen zwei Sozialarbeiter der Stadt vor meiner Tür. Ich war empört über diese Einmischung. Da ich aber keinen Anlass geben wollte mich nicht zurechnungsfähig gehalten zu werden, machte ich meinen Unmut keine Luft, sondern blieb ruhig, höflich und unverbindlich. Gut, ich hatte mich nicht mehr um die Gartenarbeit gekümmert und mittlerweile lagen einige Dinge die sich noch verwerten ließen auf dem Rasen. Aber das ging doch niemanden etwas an, oder?  Im Großen und Ganzen stimmten die Herren mir zu, allerdings bestanden sie darauf, dass ein Arzt mich untersuchte. Wenn von medizinischer Seite bestätigt würde, dass ich in Ordnung sei, wäre die Sache erledigt und ich brauchte keine weiteren Einmischungen zu befürchten. Schweren Herzens stimmte ich zu und machte einen Termin bei Dr. Martens, unseren alten Hausarzt. Mutter und ich waren seit Jahren bei ihm in Behandlung. Allerdings war ich seit ihrem Tod bei keinem Arzt mehr gewesen.

Als Martens das Sprechzimmer betrat, konnte er sein Entsetzen über mein Aussehen kaum verbergen. Immer wieder sah er mich von der Seite an, während ich ihm die Umstände schilderte, die mich zu ihm geführt hatten. Manchmal schüttelte er den Kopf, als könne er nicht fassen was ich berichtete. Es war ja auch kaum zu begreifen, dass ich gezwungen war mich für meine Art zu leben zu rechtfertigen. Er hörte mir aufmerksam zu und bat mich denn ins Untersuchungszimmer. Dort wurde ich, wie Mutter es immer nannte, total auf den Kopf gestellt. Nach ca. 20 Minuten bat er mich dann erneut in sein Sprechzimmer. Anscheinend fiel es ihm schwer einen Anfang zu finden, denn er sah mehrmals auf mein Krankenblatt und räusperte sich bedenklich. Schließlich fragte er: “Warum meinen sie eigentlich in diesem Maße sparen zu müssen, und sich alles mögliche zu versagen?”

Mir schien die Frage indiskret, aber eingedenk dessen, dass er ja sicher einen Bericht ans Amt schicken würde, erläuterte ich ihm die finanzielle Situation in der ich mich befand. Anscheinend hatte ich ihm aber nicht deutlich genug gemacht, wie prekär meine Lage war, denn er kam mit folgende Worten zu dem Schluss, dass ich eine Therapie bräuchte: “Frau Rust, ich keine sie schon lange und ich weiß durch ihre Mutter ein wenig von ihren finanziellen Verhältnissen. Es ist mir bekannt, dass ihr Vater ihrer Mutter eine Lebensversicherungssumme von 500000 € hinterlassen hat, sowie eine gute Witwenrente. Ebenso weiß ich, dass ihre Mutter ebenfalls eine Lebensversicherung für sie abgeschlossen hatte. In ähnlicher Höhe. Sie hat mich damals um Rat gefragt und ich habe die nötigen medizinischen Untersuchungen durchgeführt. Ihre Mutter war mit Geldanlagen sehr vorsichtig, und auch wenn sie die Zinsen mit zum Leben verwandt hat, was ich nicht glaube, so dürften sie immerhin fast 750 000 € plus ein abbezahltes Haus geerbt haben. Davon dürften sie, auch ohne zu arbeiten, im bescheidenen Stil leben können ohne zum Sozialfall zu werden. Warum also diese Sparaktionen?” Ich versuchte ihm zu erklären, dass er alles zu positiv sah und nicht berücksichtigte was alles für Kosten anfallen könnten. Das es notwendig sei meine Ausgaben exakt zu planen, aber er unterbrach mich schon nach einigen Sätzen: “Klartext Frau Rust. Ich glaube sie haben schwere psychische Probleme und normaler Weise müsste ich sie einweisen. Medizinisch besteht dazu jede Rechtfertigung. Sie sind verwahrlost und zeigen Mangelerscheinungen. In den letzte 9 Monaten haben sie ungefähr 14 kg abgenommen, und sie hatten kein Übergewicht. So geht es nicht weiter.” Mich ergriff Panik und ich wollte aus der Praxis laufen. Keinesfalls würde ich mich einweisen lassen. Er bemerkte meine Unruhe und lächelte beruhigend und ich blieb sitzen. Sicher wusste ich nicht ob ich ihm trauen konnte, aber Mutter hatte mir immer gesagt, dass sie ihn für einen aufrechten Menschen hielt, also würde ich es versuchen. Er setzte seine Brille zurecht und fuhr fort: “Da ich ihre Mutter sehr schätzte und auch sie immer gern hatte, bin ich bereit mich sehr weit aus dem Fenster zu lehnen. Wenn sie freiwillig zu einem Therapeuten gehen, den ich ihnen empfehle, dann werde ich von der Einweisung absehen. Ausserdem müssen sie mir versprechen  mehr auf sich zu achten. Regelmäßig und ausgewogen zu essen und sich zu pflegen. Wollen sie das?”

Meine Gedanken rasten. Aber was blieb mir übrig. Also stimmte ich zu, so sass ich jetzt hier im Wartezimmer dieses Seelenklempners, in meinen besten Kostüm und mit Hut, und fragte mich, wie viel mich diese Geschichte kosten würde und wo ich kürzen könnte um diese Ausgaben auszugleichen. Einige Wochen musst ich gute Mine zum bösen Spiel machen, damit keiner auf die Idee kam mich zu entmündigen. Ich brauchte Zeit um das Haus zu verkaufen und meine Sachen zu klären. Dann würde ich in eine Grossstadt ziehen wo mich niemand kannte und dort mein Leben leben. Mutter würde das sicher verstehen. Damals als alle Nachbarn sich das Maul zerrissen über Vaters Tod, und ihm unterstellten sich das Leben genommen zu haben, weil Mutter ihn unterdrückte, hatte sie selber überlegt zu gehen…. Aber das war ja dann nicht nötig gewesen.


Krisenmangement

Krisenmangement

copyright Karin Braun

Seit Tagen geisterte das Wort durch die Nachrichten. Das Wort, dass Ängste weckte. Krise! Egal wohin ich sah, egal welchen Sender ich einstellte, überall das Gleiche: Die Krise! Die Finanzkrise! Krisenbedingte Entlassungen! Krisenbedingte Sparmaßnahmen! Krise! Die ersten Tage und Wochen erschien es mir übertrieben. Schließlich waren wir es gewöhnt von Worten manipuliert zu werden. Erst schalmeite es aus allen Medien, dass der Aufschwung nahe sei, der denn leider nie so richtig bei niemanden ankam, nun war es halt die Krise die uns prophezeit wurde.

Ich weiß noch wie ich einige Tage, nachdem ein Finanzskandal nach dem nächsten publik wurde, einkaufen ging. In der Shoppingmeile unserer Stadt war es wie immer. Die Menschen kauften, sassen in Cafés und von Krise war keine Spur. Dann, einige Wochen, und einige weitere Rettungspakete für die Wirtschaft, später, zog es mich erneut in das Einkaufszentrum und ich bemerkte, dass die Stimmung sich deutlich verändert hatte. Nicht dramatisch und nicht greifbar, jedoch war eine unterschwellige Vorsicht zu bemerken und leichte Zurückhaltung. Die Waren wanderten nicht mehr so leichtherzig in die Einkaufswägen, und es wurde überlegt ob man sich im Café noch einen zweiten Latte Macciato gönnte. Wie gesagt, auch da war es noch nicht greifbar für mich. Allerdings wurde sehr klar, dass die Lebenshaltungskosten stiegen. Allmählich war die Krise nicht mehr eine abstrakte Sache die andere betraf, sondern wurde für mich zu einem konkreten Begriff. Schließlich konnte ich mir leicht ausrechnen, wo es hingehen würde, wenn die Preise so weiter stiegen und mein Einkommen stagnierte. Im Grunde bin ich ein eher nüchterner und zuversichtlicher Mensch, aber die Entwicklung machte mir Angst. Als mein Chef mir dann mitteilte, dass er sparen müsse und ich wegen krisenbedingten Auftragsrückgängen, nur noch 30 statt 40 Stunden die Woche gebraucht würde, war es an der Zeit, ernsthafte Überlegungen anzustellen wie es weitergehen sollte. Auch wenn der Aufschwung sich nicht bei mir sehen lassen hatte, die Krise war da. Man begegnete ihr überall. Folglich musste ich mir ernsthaft Gedanken machen, wo ich sparen könnte. Dazu brauchte ich erst einmal eine Aufstellung meiner monatlichen Kosten. Da ich immer ein recht gut verdient hatte,war es nie nötig gewesen ein Haushaltsbuch zu führen. Irgendwie kam es immer hin, und solange ich genug für meine Altersversorgung – was würde nun in der Krise aus der werden? – erübrigen, und für meinen jährlichen Urlaub sparen konnte, hatte es für mich keine Veranlassung gegeben mich einzuschränken.  Meinen Job hatte ich als sicher empfunden, und die Hypothek auf meinem Haus würde in 4 Jahren bezahlt sein. Wozu also Sorgen machen? Aber nun, in der veränderten Situation wurde es halt notwendig zu sparen und auch wenn nicht viel zu reduzieren können würde, schließlich lebte ich nicht im übermäßig luxuriös, war eine Einnahmen- Ausgaben -Aufstellung angebracht.  Nach dem Abendessen setzte ich mich an meinen Schreibtisch. Um mich herum Ordner und Kontoauszüge, sowie eine Kanne Tee. Erst einmal eine Auflistung meiner Einnahmen. Das war schnell gemacht, denn ausser meinem Gehalt hatte ich keine. Die Aufrechnung meiner Ausgaben allerdings war nicht so einfach zu erledigen. Nach zwei Stunden kam ich auf eine recht horrende Summe, die, selbst wenn ich meinen Dauerauftrag für die Reisekasse einstellte, immer noch rund 350 € über meinem neuen Gehalt lag. Langsam aber sicher stieg Panik in mir auf. Was würde sein, wenn ich vielleicht ganz arbeitslos würde? Wenn die Preise weiter in diesem Tempo stiegen? Das ich etwas verändern müsste, war mir ja klar gewesen, aber meine Auflistungen hatten ergeben, dass ich einschneidende Veränderungen herbeiführen musste. Noch einmal ging ich die Liste meiner Ausgaben durch und überlegte was ich streichen konnte. Sicher, ich könnte das eine oder andere Zeitschriftenabonnement kündigen. Das wäre doch was. Die Kosten für das Handy? Nein, das ging keinesfalls. Ich brauchte es ständig mit meinen Freunden in Kontakt zu sein. Den Fitnesscenter? Auch hier ein klares NEIN! 3 x die Woche Workout war unerlässlich. Schließlich wollte ich nicht fett werden. Das Auto? Ging auch nicht. Ein wenig Unabhängigkeit brauchte der Mensch schließlich. Vielleicht könnte ich ein Zimmer vermieten? Schließlich lebte ich in einer Universitätsstadt und dort worden immer einmal möblierte Räume gesucht. Doch bei näherem Nachdenken, kam auch diese Möglichkeit nicht in Betracht. Wenn ich vermietete würde ich meine Küche, immerhin eine Designeranfertigung mit empfindlichen Geräten, und mein Bad mit einem fremden Menschen teilen müssen, und das ging nun gar nicht. Nach einer weiteren Stunde Überlegungen hatte ich immerhin eine Einsparung von 80 € bewerkstelligt, in dem ich ein Zeitschriftenabo und einmal Essengehen pro Monat gestrichen hatte. Nur reichen würde das immer noch nicht. Während ich kritisch die Liste beäugte fiel mein Blick auf meine Fingernägel. Himmel, ich musste dringend einen Termin bei meiner Nageldesignerin machen, so konnte ich nicht rumlaufen. Seufzend dachte ich, wieder 80 € weg. Doch auf gepflegte Fingernägel wollte ich keinesfalls verzichten. Ich kam einfach nicht weiter, also erst einmal zu Bett. Während ich mir die Zähne putzte dachte ich, dass es schon hart sei, zu solchen Einschränkungen gezwungen zu sein. Aber man konnte doch nun wirklich nicht auf das Notwendigste verzichten. Dann drängte ich jeden weiteren Gedanken beiseite und legte mich schlafen. Auch im Traum kam mir keine Lösung meiner Probleme, aber immerhin fiel mir eine kleine Sparmöglichkeit, am nächsten Morgen, auf dem Weg zur Arbeit ein, ich könnte zu Hause frühstücken. Bis jetzt hatte ich mir immer unterwegs einen Latte Macciato und einen Croissant geholt. Thanks Heaven for Starbucks! Aber wenn es denn sein musste, würde ich es in Angriff nehmen. Gleich nach Feierabend würde ich mir die nötigen Lebensmittel einkaufen. Man hatte es schon nicht leicht!

Müde und erschöpft machte ich mich also am späten Nachmittag auf den Weg in den Supermarkt und kaufte ein. Brot, diverse Marmeladen, Rohmilchbrie, Weintrauben und Erdbeeren, Joghurt und natürlich eine Kaffemaschine und Milch. Auf meinen Latte Macciato wollte ich keinesfalls verzichten. Und die 900 € die die Maschine gekostet hatte, würden sich durch die eingesparten Starbucksbesuche schnell amortisieren. Natürlich sind fast 1000 € viel Geld, aber das Geschäft bot einen günstigen Kredit an, also warum nicht? Allerdings hatte ich nun noch weitere 75 € zu meinen monatlichen Kosten zu berücksichtigen. Nun ja, die Krise kann ja nicht ewig dauern und inzwischen würde ich eben sehen wie ich zurecht kam. Vielleicht sollte ich noch einen Job annehmen? Natalie hatte doch was von einem Callcenter erzählt der für die Abendstunden Leute suchte. Das wäre doch was.

Zwei Tage später hatte ich den Job. Meine Güte, so einfach war das. Sicher die zahlten nicht viel, aber ich konnte das Defizit fast ausgleichen, dass ich durch meine verkürzte Stundenzahl in meiner Firma hatte. Allerdings musste ich dafür 15 Stunden die Woche arbeiten, statt der 10 die ich früher mehr gearbeitet hatte. Wenn ich 3 x die Woche 3  und Samstag 6 Stunden dort arbeitete sollte es gehen. Allerdings musste ich denn meine Besuche im Fitnesscenter auf 2 x die Woche reduzieren. Aber alles kein Problem…

Die ersten Wochen dachte ich, dass ich es nicht schaffe, alles unter einen Hut zu bekommen. Morgens musste ich nun gut eine halbe Stunde früher aufstehen um mir Frühstück zu machen. Eine Tasse Kaffee und eine Scheibe Brot an dem Bistrotisch, der meiner Küche so ein stylisches Flair gab. Den Latte Macciato hatte ich auf Sonntags verschoben. Natürlich war die neue Maschine toll, und ich war glücklich sie zu haben, aber sie musste auch jeden Abend sauber gemacht werden. Dazu hatte ich nun wirklich keine Zeit. Langsam hatte ich eh das Gefühl, dass es nicht wirklich sparte zu hause zu frühstücken. Was ich in der Zeit alles wegwarf. Dauernd schimmelte mir die Marmelade und neulich hatte ich ein ganzes Paket Lachs aussortieren müssen. Wer isst denn schon was, dass einen Tag über der Mindesthaltbarkeit ist. So bedürftig wird doch wohl keiner sein. Sicher hatte meine Kollegin Rita im Callcenter nur Spass gemacht, als sie meinte: “Bring mir doch die Sachen einfach mit. Bei meinem Gehalt freue ich mich über jeden Beitrag. Besonders jetzt in der Krise.” Ich selber glaube ja nicht, dass es wirklich eine Krise gibt. Das ist doch sicher nur so eine Panikmache. In einigen Wochen hat sich alles beruhigt und es geht weiter wie immer. Wir leben schließlich nicht in der dritten Welt.

Rita ist nett. Aber manchmal ein wenig komisch. Neulich hatte ich sie gefragt ob sie nicht Lust hätte mit mir ins Fitnesscenter zu gehen, ich meine bei ihren Oberschenkel hat sie es wirklich nötig, dass lehnte sie doch glatt ab, weil es zu teuer sei. Statt dessen lud sie mich zu sich nach Hause ein. Ich würde mich ja gerne wieder mit ihr treffen, aber denn doch bitte bei mir. Wir sassen in ihrer Küche. Und auch wenn die abgewetzte Zweisitzer Couch mit der bunten Decke sehr bequem war, so lobte ich mir doch meine italienischen Designerstühle, auch wenn sie ein wenig hart waren. Aber man lebte ja schließlich nicht in der Küche. Also ich tue das nicht, Rita anscheinend schon. Neben diversen Lebensmittel lag der alte Tisch vollgepackt mit Büchern, Schreib- und Strickzeug. In der ganzen Wohnung gab es kein Möbelstück das zum anderen passte, oder neu war. Das ist doch nun wirklich nicht nötig. Wenn sie ein wenig mehr arbeiten würde, dann könnte sie sich doch sicher etwas anständiges leisten. Es gab doch Kredite. Als ich diese Möglichkeit andeutete, lachte sie aber nur, und meinte es wäre für sie alles bestens. Die alten Sachen, hätten doch Charme. Na ich weiß nicht?Sie meint, dass es ihr wichtiger ist Zeit zu haben, als für irgendwelche Dinge zu arbeiten die sie eigentlich nicht braucht und auch nicht will. Manchmal denke ich, dass sie ein wenig dumm ist. Zum Beispiel geht sie nie essen. Statt dessen kocht sie dauernd irgend etwas. Zu gegen es riecht in ihrer Küche sehr lecker. Sogar Marmelade macht sie ein. Die Menschen sind schon merkwürdig. Aber ihr Ebereschengelee ist köstlich. Ich fiel aus allen Wolken, als sie mir erzählte, dass es aus Vogelbeeren gemacht ist. Wo sie die wohl kauft? Ich habe die noch nie gesehen. Sicher wird sie die doch nicht so unterwegs pflücken. Sicherheitshalber habe ich aber nicht gefragt. Wenn Rita mir erzählt hätte, dass sie die Beeren im Park gepflückt hat, hätte es mir den Appetit verdorben. Für solche Sachen wie Marmelade kochen hatte sie Zeit. Meine Güte, wenn sie mehr arbeiten würde brauchte sie sich die Mühe nicht machen. Sondern könnte mehr rausgehen, statt in dieser Küche zu versauern. Es ist schon komisch, wie die Menschen so leben. Für mich wäre das nichts. Aber Rita scheint es gar nichts auszumachen, dass sie kaum Geld hat und sich nicht einmal einen Urlaub oder eine Kosmetikerin leisten kann. Ich könnte das nicht. CO2 Abdruck, übrigens eines von Ritas drolligen Lieblingswörtern, hin oder her. Manchmal braucht man es doch einfach rauszukommen. Gerne auch richtig weit weg. Meinen letzten Urlaub habe ich in Dubai verbracht, und möchte die Zeit nicht missen. Gut, dass ich zwei sichere Jobs habe.  Wie es scheint habe ich die Krise gut überstanden.