Copyright Karin Braun
DER CHEF
Der Mann der mich empfing war ungefähr in meinem Alter, er sah mir sogar ein wenig ähnlich. Allerdings nur was den Bauchansatz und die schütteren Haare betraf. Na ja, die Größe stimmte auch noch, aber das war es denn auch. Mein Gegenüber strahlte Autorität und Freundlichkeit aus und war zwar leger, aber teuer gekleidet. Er kam direkt auf mich zu und streckte die Hand aus. Meine streckte sich ihm reflexartig entgegen und während mein Gesichtsausdruck eher ängstlich sein mochte, erstrahlte bei ihm ein freundliches Lächeln: „Hallo Martin. Martin ist doch Richtig?“ Ich nickte automatisch. Er wandte sich an seine Sekräterin: „Elke bringen sie doch bitte Kaffee und vielleicht etwas Gebäck. Wir haben mit unserer Einladung sicher Martin in Aufregung versetzt. Bestimmt hat er heute morgen noch gar nichts runtergekriegt.“ Er wandte sich wieder mir zu: „Gebäck ist doch in Ordnung? Oder lieber was Deftiges?“ Ich kriegte keinen Ton raus und schüttelte nur mit dem Kopf. Er nickte und wandte sich wieder der Frau zu: „Martin hat sicher recht, was Deftiges und Gebäck ist am Besten.“ Sie lächelte zustimmend und wandte sich zum Gehen.
In was war ich da nur reingeraten? In meinem Kopf ging es drunter und drüber. Die hatten mich erwischt wie ich widerrechtlich in ihrem Laden gewohnt hatte, doch statt mich anzuschreien und die Polizei zu rufen, machte man sich Sorgen was ich am liebsten zum Frühstück hätte.
Mittlerweile sass ich an dem kleinen runden Tisch der etwas Abseits vom Schreibtisch stand und konnte noch immer nichts sagen, aber meine Gedanken rasten: Anscheinend würde ich noch einmal glimpflich davon kommen. Statt Anzeige und Verurteilung sah es hier eher so aus, als wenn ich mit einem Frühstück, einer Standpauke und einem Geschenkgutschein davon kommen würde. Gerade als ich mit überlegte ob ich mich vielleicht erst einmal entschuldigen sollten begann Herr Jürgens zu sprechen: „Also Martin, sagen sie mal, was gefällt ihnen so gut an IKEA, dass sie hier ein ganzes Wochenende verbringen wollten?“
Ich räusperte mich kurz. Plötzlich war meine Stimme wieder da und ich erzählte ihm alles von Anfang an. Die Sache mit dem Gartenstuhl, wie ich den ersten Regentag hier verbrachte und wie ich dann letztendlich das Wochenende geplant hatte. Ich schloß dann: „Es tut mir leid, Herr Jürgens, wenn ich Ihnen Unannehmlichkeiten bereitet habe, aber die Verlockung war einfach zu groß. Sehen sie, ich lebe sehr einsam. Nicht das ich mich beklagen möchte, dass ist meine eigene Entscheidung, daher bin ich gerne hier in ihrem Geschäft. Hier ist alles bunt und gemütlich und ich kann Leute sehen, ohne ihnen nahesein oder mit ihnen sprechen zu müssen.“
Er nickte verständnisvoll und fragte mich nach meiner materiellen Lage. Ich erklärte das ich arbeitslos sei und das meine Verhältnisse eher beengt wären.
Er sah aus, als wenn er etwas ähnliches erwartet hatte, aber er wirkte verständnisvoll und sagte: „Das ist sicher nicht einfach und in unserem Alter ist es ja auch nicht mehr einfach etwas zu finden, nicht war?“
Ich wollte gerade antworten: Das ich mir nicht vorstellen könnte, dass er meine Probleme wirklich versteht, denn schließlich hatte er ja einen guten Job und den Bildern auf seinem Schreibtisch nach zu schließen eine Familie. Also nicht das ich das wollte. Na ja, einen Job der mir Spaß machen würde, den schon, aber eine Famile? Menschen die Ansprüche an mich stellten? Nein, dass nicht. Doch bevor ich das sagen konnte, da Elke mit dem Frühstück. Sie hatte wirklich an alles gedacht. Brötchen, Kaffee, Schinken, Rühreier, Lachs und auch einiges Süßes. Das war nicht von schlechten Eltern und nach all der Aufregung merkte ich nun auch meinen Magen, also griff ich kräftig zu.
Während des Frühstück unterhielten wir uns über banale Themen wie das Wetter, die Verkehrlage und so und ich hatte schon fast vergessen warum ich hier war, als Herr Jürgens, oder besser gesagt Sven seine Tasse zurück schob und ernst wurde:
„Also Martin, sicher fragen sie sich, warum ich keinen Aufstand mache, dass sie bei uns übernachtet haben, denn schließlich und endlich und auch wenn wir es nicht so empfinden stellt es ja den Tatbestand des Hausfriedensbruches da.“ Er sah mich ein wenig streng über seine Brille hinweg an. Doch gleich darauf blinzelte er wieder freundlich und sprach weiter: „Das ich es nicht tue, hat damit zu tun, dass wir beide die selbe Idee haben, also im Ansatz zumindest. Sie finden unsere Möbel schön zum drin wohnen. Fühlen sich angesprochen und es macht ihnen Spaß sich bei uns aufzuhalten. Das freut uns natürlich und nachdem wir festgestellt hatten, dass das Arbeitszimmer in dem sie schon mal einen längeren Zeitraum verbracht haben, an diesem Tag 3 x soviel verkauft wurde wie sonst, kamen wir ins Grübeln“
Ich kam auch ins Grübeln: Die hatten mich die Ganze Zeit beobachtet!
Sven lachte, er schien meine Gedanken zu lesen: „Ja, sicher haben wir sie entdeckt, meine Assistentin war auch dafür sie sofort entfernen zu lassen, aber ich wollte erst einmal abwarten was passiert und hatte recht.“ Er sah sehr zufrieden mit sich aus.
Ich warf ein: „Vielleicht ist es nur ein Zufall gewesen, dass sie dieses Zimmer den Tag öfters verkauft haben.“
Er verneinte: „Martin das ist kein Zufall. Die Konzernzentrale hat schon vor Jahren eine Umfrage unter unseren Kunden veranstaltet. Es ging darum wie unsere Ausstellung noch attraktiver werden können und eine überraschende Anzahl von Kunden äußerten sich in der Richtung, dass es attraktiv wäre die einzelnen Elemente belebt zu sehen.”
Das überraschte mich nun wirklich.
Sven schenkte sich erneut Kaffe ein und nickte mir verständnisinnig zu: “Ich war genau so überrascht, aber dann kam ich ins Nachdenken und es erschien mir immer logischer. Nicht nur, dass sie die Möbel im Gebrauch sehen würden, natürlich war mir auch klar, welche Werbungsmöglichkeiten uns da für Küchengerätschaften, Geschirr und Acessesoirs uns da entstehen würden.” Sein Blick wurde verträumt und gleichzeitig berechnend. Wahrscheinlich sah er vor seinem inneren Auge, lange Schlangen von Menschen mit wohlgefüllten Einkaufskörben an den Kassen seines Geschäftes stehen. Ein wenig verwundert stellte ich fest, dass er mir nicht unsympathisch wurde, obwohl ich Geschäftsleute und Kapitalismus ablehne. Ich bin immer Sozialdemokrat gewesen und würde es auch bleiben.
Mit einem bedauernden Seufzer löste sich Sven aus seiner Gedankenwelt und wandte sich wieder mir zu: “Sehen sie Martin, bis sie es sich in unserer Ausstellung gemütlich machten, sahen wir keine Möglichkeit unsere Erkenntnisse umzusetzen. Ich möchte ihnen einen Job anbieten.”
Ich glaubte nicht richtig zu hören. Ein Jobangebot, dass hatte ich ja schon seit Jahren nicht mehr erhalten. Nicht das ich mich drum bemüht hätte. Das mich keiner wollte war schon in Ordnung. Die Welt um mich herum war mir suspekt und so wenig ich mich in ihr zurecht fand, so wenig konnte sie mich gebrauchen. Und nun ein Jobangebot von einem angesehenen Unternehmen und nicht etwa durch eine offizielle Bewerbung, sondern durch eine quasi Straftat. Plötzlich musste ich lachen, bis mir die Tränen übers Gesicht liefen. Lachen wie ich noch nie in meinem Leben gelacht hatte. Sven sah mich ein wenig unsicher an, aber ich konnte keine Erklärung geben, da das Lachen meine Sprechversuche erstickte. Es war einfach zu komisch, und auch schwer zu erklären. Mein Fallmanager auf der ARGE, der mich immer wie ein Stück Müll ansah, forderte immer wieder das ich mehr Eigeninitiative entwickeln sollte. So hatte er sich das bestimmt nicht vorgestellt.”
Mein Gesprächspartner reichte mir ein Kleenextuch und ich trocknete meine Augen. Langsam bekam ich wieder Luft und erklärte ihn, was mich so zum Lachen veranlasst hatte.
Das fand er nun auch zum Lachen, wurde aber schnell wieder ernst. “Ja, es ist schon seltsam und bestimmt nicht das, was der Herr gemeint hat. Aber wie heißt es? Manchmal muss man ungewöhnliche Wege gehen.”
Nachdem ich mich nun wieder gefasst hatte, wurde ich gleich wieder unsicher und fragte zögerlich: “Bieten sie mir eine Stelle als Verkäufer an? Dazu muss ich ihnen gleich sagen, habe ich keine Eignung. Nicht einmal ansatzweise. Menschen verunsichern mich und ich mag nicht mit ihnen sprechen.” Bei der Vorstellung Möbel verkaufen zu sollen und mich mit zänkischen Frauen über Farben und Liefermöglichkeiten auseinander zu setzen, während ihre Männer mich herablassend als lebensuntüchtig einstuften, ließ Panik in mir aufsteigen. Mir wurde die Luft knapp und ich sah mich ängstlich nach der Tür um.
Sven Jürgens legte mir beruhigend die Hand auf die Schulter: “Nur Ruhe Martin, keine Angst. Verkäufer sollen sie nicht werden. Jedenfalls nicht im klassischen Sinne.”
Ich fuhr auf: “Was heißt nicht im klassischen Sinne?”
Jürgens winkte mich zu seinem Schreibtisch und betätigte die Maus seines Computers. Der Bildschirmschoner verschwand vom Monitor und es erschien das Bild einer Wohnung. Küche, Bad, Wohn-, Arbeits- und Schlafzimmer.